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Von den Nebenwirkungen des Geldparadigma

Freitag, 23. Juli 2010 21:23

von Lars Schall

Der Ökonom und Philosoph Professor Dr. Dr. Wolfgang Berger gehört zu den Kritikern einer absoluten Grundvoraussetzung des derzeitigen Finanzsystems: dem Zins. In einem ausführlichen Interview für chaostheorien.de stellt er gegenwärtige Zustände, Risiken und Alternativen dar. Eine seiner Kernaussagen: „Der Zins ist Systembestandteil, und er hat Nebenwirkungen, die deshalb auch Systembestandteil sind – schreckliche Nebenwirkungen.“

Prof. Dr. Dr. Wolfgang Berger, geboren 1941 in Kassel, ist Philosoph und Volkswirtschaftler. Er hat in Grenoble/Frankreich und Durham/USA Ökonomie und Philosophie studiert. Im Anschluss daran hat er mit einem Forschungsauftrag der Max-Planck-Gesellschaft an der Freien Universität Berlin und an der Technischen Universität Berlin zum Dr. phil. in Philosophie und zum Dr. rer. pol. in Volkswirtschaftslehre promoviert. Danach war er für 20 Jahre als leitender Manager in Europa und Übersee tätig.

Von 1988 bis 1997 war er Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft in Pforzheim, davon ein Jahr an der California State University in Hayward/USA. Seit 1997 leitet er das von ihm mit gegründete Business Reframing Institut in Karlsruhe (siehe hierzu: http://www.business-reframing.de). Die Konzeption für eine innere Neuausrichtung von Unternehmen hat er in dem Buch „Business Reframing – Erfolg durch Resonanz“, das im Gabler-Verlag erschien, dargelegt (3. Auflage, ISBN 978-3-409-38895-5).

Herr Professor Berger, wir befinden uns global in einer so genannten „Finanzkrise“. Benennt dieser oft bemühte Terminus das Problem eigentlich zutreffend oder wäre es nicht eher angebracht von einer systemimmanenten Schuldenkrise zu sprechen?

Wir können schon bei „Finanzkrise“ bleiben, denn die Schulden, die zunächst einigen Immobilienkäufern in den USA, später vielen systemrelevanten Banken und jetzt den meisten öffentlichen Haushalten weltweit über den Kopf wachsen, sind in unserer Finanzordnung notwendig. Stellen Sie sich einmal vor, alle könnten und würden ihre Schulden plötzlich zurückzahlen und ganz schuldenfrei sein. Dann hätten wir eine Systemkrise, die alles in den Schatten stellen würde, was wir bisher erlebt haben. Als Bill Clinton den Bundeshaushalt der USA ausgeglichen hatte, hat der damalige Notenbankchef Alan Greenspan ihn dafür kritisiert und zu bedenken gegeben, dass die Pensionsfonds nicht mehr wüssten, wo sie ihr Geld anlegen sollten, wenn der Staat sich nicht mehr verschuldet.

Als das Grundübel hinter dieser Entwicklung machen Sie das Phänomen des Zinses aus. Warum ist die Verzinsung, die allgemein als notwendig angesehen wird, damit das Geld als Kredit zur Verfügung steht, so schlimm?

In unserem System ist der Zins absolut notwendig. Wenn er niedrig ist wie z. Z. schafft er allein es nicht einmal, die Geldvermögen wieder in den Kreislauf zu locken, damit sie von den Banken als Kredit vergeben werden können. Wir brauchen außerdem noch die Inflation, die das Geld entwertet. Praktisch alle Notenbanken der Welt produzieren absichtlich Inflation. Ohne Zins und Inflation, würden die Geldvermögen kaum wieder angelegt werden, denn jede Anlage ist mit einem Risiko verbunden und wie wir gesehen haben, können auch Banken in Konkurs gehen. Ob die Staaten bei der nächsten Bankenkrise noch in der Lage sein werden, die Banken zu retten, ist fraglich. Der Zins ist Systembestandteil, und er hat Nebenwirkungen, die deshalb auch Systembestandteil sind – schreckliche Nebenwirkungen.

Welche „Nebenwirkungen“ meinen Sie? Das müssen Sie näher erklären.

Weil Geldvermögen sich verzinsen, wachsen sie und zwar exponentiell. Wir alle haben in der Schule gelernt, was eine Exponentialfunktion ist, und trotzdem sehen die meisten nicht, was das praktisch bedeutet: Die Verdoppelung in einem bestimmten Zeitraum, dessen Dauer von der Höhe des Zinses abhängt. Damit Sie es sich vorstellen können: Falten Sie ein Blatt Ihrer Tageszeitung, dann haben Sie zwei Lagen. Mit jedem weiteren Faltvorgang verdoppelt sich die Zahl der Papierlagen: nach zwei Mal sind es vier, nach sechs Mal 64, nach zehn Mal 1.024, nach 42 Mal 350.000 – und das ist schon die Entfernung von der Erde zum Mond. Statt Ihre Zeitung zu falten, können Sie auch immer die Zahl der 500-Euro-Scheine verdoppeln, die Sie stapeln. Auch dann reicht der Stapel bis zum Mond. Das ist die eine Seite der Medaille.

Und nun zur anderen Seite: Diese sich exponentiell erhöhenden Geldvermögen werden verzinst. Sie können aber nur verzinst werden, wenn es Schuldner gibt, die die Zinsen zahlen. Das ist der umgekehrte Stapel von 500-Euro-Schuldscheinen, die in ein Erdloch gepackt werden müssten, das den Planeten durchbohrt. Die exponentiell steigende Verschuldung von irgendjemandem ist also systembedingt notwendig. Und wenn Privatleute oder Unternehmen das nicht übernehmen wollen oder können, müssen es die öffentlichen Haushalte tun. Wenn sie sich weigern, bricht das System zusammen. In den Fachkreisen der Ökonomen, in der Politik und der Öffentlichkeit – vielleicht von Herrn Greenspan abgesehen – gibt es kaum jemand, der diesen einfachen Zusammenhang sieht.

Des Weiteren behaupten Sie, dass nur diejenigen, deren Zinseinkommen höher als ihr Arbeitseinkommen liegt, Gewinner des Systems sind. Wer sind denn diese Glücklichen im Großen und Ganzen? Und als was fungiert hier der große Rest?

Wenn Sie ein Produkt kaufen – z. B. den Computer, mit dem Sie dieses Interview lesen – hat dieses Produkt und jedes seiner Teile eine lange Reihe von Wertschöpfungsstufen durchlaufen, bevor Sie es benutzen können. Das gilt für jedes Produkt und für jede Dienstleistung, sei es ein Getränk, ein Fahrzeug, eine Reise, eine ärztliche Behandlung, ein Medikament, eine Fernsehsendung oder die Geschwindigkeitskontrolle der Polizei. In jeder dieser Stufen sind für Zwischenschritte Investitionen erforderlich, die finanziert werden müssen und immer gehen diese Investitionen mit ihren Zinsen in die Kalkulation ein und damit in den Preis. Würden die Zinsen in den Endpreis nicht hineinkalkuliert, könnte das Unternehmen, in dem die betreffende Wertschöpfungsstufe erstellt wird, nicht überleben. Wir müssen die Zinsanteile in der Kalkulation aus allen Wertschöpfungsstufen zusammenzählen und erhalten dann den Zinsanteil im Endprodukt. Im Durchschnitt aller Endpreise kommen wir dabei auf ungefähr 40 Prozent. Bei Getränken ist es weniger (ca. 30 Prozent), bei Mieten und Immobilienkäufen mehr (75 bis 80 Prozent).

Weiterhin ist bekannt, dass z. B. in Deutschland der Schuldendienst der zweithöchste Posten im Bundeshaushalt ist und wir unsere Steuern (auch die Mehrwertsteuer, die jeden unserer Einkäufe verteuert) an zweiter Stelle für Zinsen zahlen. Wir können also ganz grob gerechnet davon ausgehen, dass wir mit jedem Euro, den wir ausgeben, die Hälfte für Zinsen zahlen und nur die andere Hälfte für das Produkt oder die Dienstleistung. Wenn Sie also im Monat netto 3.000 Euro verdienen und sie vollständig ausgeben, zahlen Sie davon ungefähr 1.500 Euro Zinsen. Wenn Sie auf frühere Ersparnisse monatlich 1.500 Euro Zinsen kassieren, haben Sie also noch immer nichts gewonnen. Nur am Rande: Um monatlich 1.500 Euro (im Jahr 18.000 Euro) Zinsen zu bekommen, müssen Sie zum gegenwärtigen Ausgabesatz von Bundesanleihen (ca. drei Prozent) 600.000 Euro angelegt haben – deutlich mehr als eine halbe Million. Und ich bin sicher, dass die wenigen Leute, die soviel Geld „auf der hohen Kante“ haben, sich nicht darüber im Klaren sind, dass sie noch immer nicht zu den Gewinnern des Systems gehören. Die Verlierer machen weit mehr als 90 Prozent der Bevölkerung aus und von ihnen (also von „unten“) gibt es eine ständige Umverteilung nach „oben“ – zu den wenigen Gewinnern, deren Zinseinkünfte die Zinsausgaben deutlich übersteigen.


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Michael Harprecht
Starker Artikel, danke!!!
Ich werde diesen in meinem Freundeskreis weiter leiten.
Ich würde es sehr begrüßen einen Kontakt von Prof. Berger zur Initiative Global Change 2009 e.V.
herzustellen. Hier findet gerade eine starke Vernetzung und Planung von konkreten Aktionen in Deutschland statt. Eine davon heißt UNTERNIMM-DAS-JETZT (www.unternimm-das-jetzt.de)
und bezieht sich auf eine Demonstration am 06.11. in Berlin, zur Unterstützung der Anhörung von Suanne Wiest und ihrer Petition zum bedingungslosen Grundeinkommen am 08.11. im Bundestag.
Global Change 2009 unerstützt auch die Etablierung eines neuen Geldsystems durch Aufklärung.

Hinweis:
Die richtige Inernet-Adresse für die o.g. Zeitschrift HUMANE WIRTSCHAFT heißt:
www.humane-wirtschaft.de

Gepostet am 26.07.10 16:58.

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Rüdiger Marsch
Hallo,
ich habe in dem Forum: http://www.global-change-2009.com/blog/die-geldschopfung-der-geschaftsbanken/2010/05/
nachstehenden Beitrag gefunden, den ich "explosiv" finde und euch nicht vorenthalten möchte.


07 Juni, 2010 um 16:23 Uhr
Jep,
der Beitrags-Rekordthread ist hier hoffentlich beendet. Und hat’s was gebracht?
Nicht umsonst halte ich mich aus solchen never-ending Diskussionen seit 4 oder 5 Jahren heraus, ich habe nämlich keine Zeit und auch keine Lust mehr noch 100 Jahre weiter zu diskutieren.
Es wird nichts mit Worten, es geht nur über Taten wie es David.P in dem Thread; 99% der Menschen fragen zu oft “WER” - fragt bitte mehr “WARUM”
sehr schön beschrieben hat: „Es muss jetzt nur noch “gemacht” werden, und dann kann es passieren, dass das alte System einfach hinweggefegt wird… Solche Systemumwälzungen kommen aber niemals aus dem System selbst oder gar in Form zentraler Entscheidungen, sondern werden immer von extern als winziger Keim eingeimpft. Nichtsdestotrotz haben ausreichend gute Innovationskeime ohne weiteres das Potenzial, ein noch so verbreitetes, scheinbar uneinnehmbares, altes System in kürzester Zeit obsolet zu machen.“
Dieser winzige Keim ist die Kombination einer bundesweiten, virtuellen Komplementärwährung mir einer Handelsplattform für Waren und Dienstleistungen aller Art im Internet die sich sogar im Einzelhandel nutzen lässt, und diese Vision hatte ich schon vor 5 Jahren.
Das einzigste Problem das ich sehe ist nur noch ein solches Portal mit genügend Leuten an’s laufen zu bekommen.
Als ich vor vielleicht einem halben Jahr begann zu versuchen diesen Keim mit Hilfe der Piratenpartei zu pflanzen geschah etwas, was mich in meiner Auffassung doch sehr bestärkt hat. Ein paar Tage nach dem ich einen ersten Entwurf dieses Textes http://www.piratenmarkt.de/info über einen Link im Forum der Piraten veröffentlichte, wurde dieser Polizist (Jan Fedder) aus dem Großstattrevier beauftragt einen Radiospot einzusprechen, der dann mindestens 2 oder 3 Tage über den Äther ging. Sinngemäß etwa so: „Hey das gibt’s doch wohl nicht, Piraten wollen jetzt auch noch unsere Hausboote kapern und eine Liegegebühr für unsere Hausboote verlangen, lasst bloß die Finger davon oder es setzt was..“ (Stichwort Demurrage) Was bedeutet das? Da ist die Hybris wohl in schiere Panik verfallen, dass da irgend ein Niemand diesen Keim pflanzen könnte? Was meint ihr? Wer macht bitte da weiter wo ich aufgehört habe?

Das ist es doch! Die Herrscher des Zins-Geldes werden dem Konzept des fließenden Geldes niemals zustimmen. Wir müssen uns ein neues Demurrage-Geld einfach selber bauen…
Und PR geht dann so: http://www.honston.de/was_du_jetzt_tun_kannst.htm

Gepostet am 27.07.10 17:29 als Antwort auf Michael Harprecht.

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